"Schliess Freundschaft mit deinem Kind" - ADHS Store

"Schliess Freundschaft mit deinem Kind"

Ein Interview mit Magdalena Seifert aus Frankfurt. Sie hat eine ADHS-Diagnose, ebenso wie ihr Sohn.

1. Der Wendepunkt

■ Wann hast du zum ersten Mal gespürt: Mein Kind ist anders?
Ich habe das tatsächlich relativ spät gemerkt – erst mit dem Schuleintritt. Da wurde deutlich, dass er sich schwer anpassen kann, sich nicht gut konzentriert und oft Probleme hat, Dinge zu Ende zu bringen. In dem Moment kam zum ersten Mal der Gedanke auf: Vielleicht steckt doch mehr dahinter, weil es sich klar von anderen Kindern unterschieden hat.

■ Was hat dich damals mehr getroffen – die Erkenntnis oder die Reaktion der anderen?
Mehr getroffen hat mich nicht die Erkenntnis selbst, sondern die Reaktion der anderen. In unserem Umfeld wird ADHS immer noch sehr negativ gesehen – wie ein Stempel, den man auf keinen Fall haben möchte. Das fand ich damals schon schwer. Und ehrlich gesagt ist es bis heute so.

„In unserem Umfeld wird ADHS immer noch sehr negativ gesehen.“

2. Alltag im Ausnahmezustand

■ Welche Situation bringt dich im Alltag regelmässig an deine Grenzen?
Das Schulthema ist generell eine grosse Herausforderung. Aber auch im Alltag merke ich es stark – vor allem bei Übergängen. Wenn er zum Beispiel aus dem, was er gerade macht, raus soll, um etwas anderes zu tun - wie im Haushalt zu helfen - dauert das oft sehr lange.

Er braucht viel Geduld, viel Überredung und Begleitung. Mir ist dabei wichtig, dass es nicht ständig in Streit endet, sondern dass mein Sohn lernt, diesen Wechsel auch selbst zu schaffen – ohne dass ich ihn permanent drängen muss. Aber genau das kostet im Alltag unglaublich viel Energie.

■ Was kostet dich denn mehr Kraft: dein Kind – oder das Drumherum?
Es sind weniger die äusseren Umstaende, sondern eher seine Verhaltensmuster, die fordern. Viele Dinge, die bei anderen Kindern nebenbei funktionieren, brauchen bei uns deutlich mehr Zeit, Geduld und Wiederholung.

3. Emotionen unter Druck

■ In welchen Momenten verlierst du innerlich die Kontrolle?
Ich verliere sie vor allem dann, wenn ich Dinge immer und immer wieder sagen muss – und merke, dass sie entweder gar nicht richtig ankommen - oder direkt wieder vergessen werden. Es fühlt sich oft so an, als gäbe es bei manchen Themen keine Lernkurve, sondern wir fangen jeden Tag wieder von vorne an.

■ Wann schlägt dein Herz am lautesten für dein Kind?
Das ist in den Momenten, in denen ich sehe, wie sehr er mir vertraut. Trotz aller Schwierigkeiten kommt er immer zu mir, wenn etwas ist. Und er weiss, dass er sich auf mich verlassen kann. Wir haben eine sehr enge Verbindung – und selbst nach Streit ist niemand nachtragend.

„Sie funktionieren nicht schlechter – sie funktionieren anders.“

4. Schule & Umfeld

■ Fühlst du dich von Lehrpersonen wirklich verstanden?
Schule ist für uns ein sehr schwieriges Thema – es hängt extrem von der jeweiligen Schule und den Lehrpersonen ab. Es gab Phasen, in denen er wirklich gesehen und unterstützt wurde, sogar mit zusätzlicher Begleitung. Da hat man gemerkt, was möglich ist, wenn jemand hinschaut.

■ Was läuft im System komplett falsch – aus deiner Sicht?
Ich habe auch das komplette Gegenteil erlebt: Schulen, in denen mein Sohn einfach fallen gelassen wurde. Vor allem in den höheren Klassen hatte ich oft das Gefühl, dass weniger Verständnis da ist - und weniger Bereitschaft, sich auf ihn einzulassen.

Was im System aus meiner Sicht falsch läuft: Es wird zu wenig individuell geschaut. Statt Stärken zu fördern, wird vor allem bewertet, wo Kinder nicht funktionieren. Gerade für Kinder mit ADHS ist das extrem schwierig – weil sie bei Dingen, die sie nicht interessieren, einfach nicht dranbleiben können.

Mutter und Kind

5. Dein Kind – jenseits der Diagnose

■ Was macht dein Kind besonders?
Was mich immer wieder fasziniert ist, wie extrem er sich in Dinge vertiefen kann, die ihn wirklich interessieren. Bei ihm ist das vor allem Technik. Wenn er einmal dort drin ist, dann geht er komplett darin auf – und zwar auf einem Level, das mich selbst überrascht. Mein Sohn kann Dinge rund um Computer und Programmieren, bei denen ich längst nicht mehr mitkomme.

■ Wo überrascht er dich immer wieder positiv?
Auch beim Thema Sprache hat er mich beeindruckt. Er hat irgendwann von sich aus angefangen, Videos nur noch auf Englisch zu schauen, weil er die Sprache lernen wollte – obwohl der einfachste Weg gewesen wäre, bei Deutsch zu bleiben.

Was mich emotional besonders berührt: Wenn es wirklich drauf ankommt, ist er da. In Momenten, in denen Hilfe wirklich gebraucht wird, merkt er das selbst und bietet sie von sich aus an. Gerade im Umgang mit seiner Oma sehe ich das oft. Diese Sensibilität ist etwas ganz Besonderes.

6. Du selbst

■ Wann warst du zuletzt wirklich bei dir – ohne Stress?
Es hat eine Zeit gedauert, aber ich bin mittlerweile an einem Punkt, an dem ich besser auf mich achte. Ich versuche, mir bewusst Zeit für mich zu nehmen - und Dinge rauszufiltern, die mir zu viel werden. Ich merke inzwischen sehr schnell – auch körperlich – wenn ich an meine Grenzen komme.

„Manchmal braucht es weniger Druck – und mehr Verstehen.“

Was mir am Anfang am meisten geholfen hätte, ist Aufklärung. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem ADHS sehr negativ gesehen wurde. Ich habe meine Diagnose selbst erst sehr spät bekommen – und rückblickend erklärt das vieles. Heute sehe ich ADHS anders – und genau deshalb kann ich das Verhalten meines Sohnes so gut nachvollziehen. Ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn man eigentlich könnte, aber nicht so funktioniert, wie es von anderen erwartet wird.

Schlussgedanke

„Schliess Freundschaft mit deinem Kind – und lenk deinen Blick bewusst auf das, was es besonders macht, nicht nur auf das, was schwierig ist.“

Ein persönliches Gespräch über Liebe, Geduld und das Leben mit ADHS.

- zu adhs.store

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