Bub und Mädchen in Garten

ADHS-Kinder stärken: Die Magie des multisensorischen Lernens

Wir erleben unsere Welt von Beginn an mit (mindestens) 5 Sinnen – wie etwa Tastsinn, Gehör und Sehen. Warum also beim Lernen nicht? Ein Blick auf die Welt des multisensorischen Lernens – und wie der Ansatz ADHS-Kindern mit ihrem Schulstoff helfen kann.

Wieder einmal lachen müssen, wenn Sie Menschen aus dem Süden beim Reden zugeschaut haben? Stichwort: Fliegende Arme und Hände. Nun, vermutlich sollten sie genau dasselbe tun, wenn Sie irgendwann italienisch lernen möchten – denn Sie werden es dadurch schneller können.

Dank Gesten schneller fit in der Fremdsprache?

In einer Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften wurde die Wirksamkeit von Gesten beim Erlernen einer Kunstsprache namens "Vimmi" untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass Probanden, die Wörter mit eigenen Gesten lernten, sich besser an diese erinnern konnten. Dies wurde durch Hirnscanner-Untersuchungen bestätigt, bei denen das Bewegungsareal im Gehirn aktiviert wurde, wenn die Teilnehmer das gelernte Wort hörten. Studienleiterin Katharina von Kriegstein betonte, dass das Ansprechen mehrerer Sinne das Lernen erleichtert. Dieses Prinzip wird bereits in vielen Sprachkursen angewendet, wobei Vokabellisten mit Bildern kombiniert werden.

Kinder im Garten

Was ist multisensorisches Lernen?

Im Kern geht es beim multisensorischen Lernen darum, zwei oder mehr Sinnesmodalitäten - wie Sehen, Hören, Tasten, Schmecken und Riechen – zu nutzen, um Informationen zu vermitteln und das Verständnis sowie das Speichern und spätere Erinnern zu verbessern.

Von der Bewegung der Finger durch Texturen bis hin zur Verkostung verschiedener Lebensmittel und dem Hören unterschiedlicher Geräusche – Sinneserlebnisse sind nicht nur unvergesslich, sondern auch unglaublich wirkungsvoll für unseren Lernerfolg. Viele von uns erinnern sich vielleicht an unsere eigene Schulzeit, als wir uns an Aktivitäten beteiligten, die unsere Sinne anregten und den Unterricht lebendiger und leichter zu merken machten. Multisensorisches Lernen ist also weder ein «Trend» noch eine seltsame Idee – es ist die Art von Lernen, für welche unser Gehirn und unser Körper gebaut wurden. Und auch die Art, wie Babys, deren Welt vorher eine wassergefüllte Blase im Mutterleib war, sich in kurzer Zeit an ein Leben gewöhnen, das alle möglichen Abenteuer und Gefahren für sie bereithält.

Und der Bezug zur Schule? Stellen Sie sich ein Klassenzimmer vor, in dem die Schüler nicht nur über ein bestimmtes Konzept lesen, sondern auch Bilder sehen, Geräusche hören, Gegenstände berühren und sich sogar auf eine Weise bewegen, die das Thema verstärkt. Dieser facettenreiche Ansatz sorgt dafür, dass das Lernen nicht nur eine passive Aufnahme von Informationen ist, sondern ein intensives Erlebnis. Leben eben.

Hand berührt Steine

Warum ist der Einbezug der 5 Sinne so wichtig?

Jeder Mensch hat eine eigene Art, Informationen zu verarbeiten. Während einige visuelle Lerntypen sind, können andere Lerninhalte besser erfassen, wenn sie hören oder Gegenstände berühren. Durch die Integration verschiedener Sinneseindrücke stellt multisensorisches Lernen sicher, dass die Lehrmethoden einem breiteren Spektrum von Lernenden gerecht werden. Das ist für Menschen mit ADHS sogar von besonderem Nutzen, weil diverse herkömmliche Methoden ihre Aufmerksamkeit oft nicht zu packen vermögen.

Ein Beispiel:

Stellen Sie sich vor, Sie möchten alles über den Regenwald lernen. Sie können darüber 10 Seiten lesen und einige Bilder in einem Bildband anschauen. Oder Sie können:

  • Lebendige Bilder oder Videos von Regenwäldern sehen
  • die Geräusche von Regen, Tieren und raschelnden Blättern hören
  • Proben von Pflanzen oder Materialien aus dem Regenwald anfassen
  • sich wie einige der im Regenwald heimischen Tiere bewegen
  • sich selbst mithilfe einer VR Brille und einer «virtuellen Machete» durch den Regenwald bewegen

Schnell wird klar: Indem mehrere Sinne angesprochen werden, wird das vorher abstrakte Konzept anschaulicher, einprägsamer und das Lernen macht dem Kind viel mehr Spass.

Knabe mit Kopfhörern

Weshalb ist Multisensorik grad für ADHS-Kinder wirksam?

Bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) geht es nicht nur um Hyperaktivität oder Unaufmerksamkeit; es handelt sich um eine komplexe neurologische Entwicklungsstörung, die sich darauf auswirkt, wie Kinder Informationen verarbeiten und darauf reagieren.

ADHS und Informationsverarbeitung:

Kinder mit ADHS haben oft Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, vor allem, wenn sich Aufgaben wiederholen oder ihnen der Anreiz fehlt. Ihre Gehirne sind vereinfacht gesagt «anders verdrahtet», was es Ihnen viel schwerer macht, Ablenkungen herauszufiltern und sich auf eine einzige Aufgabe zu konzentrieren. Das hat nichts mit Willenskraft oder Motivation zu tun, sondern ist ein grundlegender Unterschied in der Art und Weise, wie ihr Gehirn Informationen verarbeitet.

Je mehr Sinne, desto mehr gerichtete Stimulation:

Multisensorisches Lernen ist von Natur aus anregend. Anstatt sich nur auf einen einzigen Sinneseindruck zu verlassen, wird das Gehirn mit Informationen aus verschiedenen Quellen versorgt. Für ein ADHS-Kind ist das so, als würde man mehrere Lichter in einem Raum anschalten, damit es besser sehen und verstehen kann. Die verschiedenen Reize fesseln die Aufmerksamkeit des Kindes (im Stirnhirn), so dass es sich besser konzentrieren kann und sich weniger leicht ablenken lässt.

Das plastische Gehirn und seine neuronalen Vernetzungen:

Das menschliche Gehirn ist unglaublich anpassungsfähig, eine Eigenschaft, die als Neuroplastizität bekannt ist. Das bedeutet, dass sich unser Gehirn im Laufe des Lebens, insbesondere in der Kindheit, laufend umorganisieren und neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen bilden kann. Multisensorische Erfahrungen, bei denen verschiedene Teile des Gehirns gleichzeitig angesprochen werden, fördern nachweislich die Bildung dieser Verbindungen. Bei ADHS-Kindern kann dies mittelfristig zu stärkeren neuronalen Bahnen in Bezug auf Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Verständnis führen.

Mädchen mit Trommel

Praktische Beispiele für multisensorisches Lernen

Die Schönheit des multisensorischen Lernens liegt in seiner Anpassungsfähigkeit. Es lässt sich in fast jedes Fach einbinden und macht den Unterricht interessanter und einprägsamer. Hier sind einige praktische Beispiele für verschiedene Fächer:

Lesen: Verwendung von strukturierten Buchstaben und Buchstaben-Figuren zum Anfassen, lautes Lesen und visuelle Hilfen.

Beispiel: Lassen Sie Ihr Kind Buchstaben mit dem Finger nachzeichnen, während es den Klang laut ausspricht. Diese taktile Erfahrung, kombiniert mit dem auditiven Prozess des Aussprechens und Hörens, stärkt die Buchstabenerkennung und das phonetische Verständnis.

Mathematik: Verwenden Sie physische Objekte – wie Kreise und Klemmbausteine – interaktive Apps und sich reimende Lieder.

Beispiel: Unterrichten Sie Bruchrechen mit Hilfe von echte Kuchenstücken oder eigens dafür entwickelten Sets, welche die Bruchstücke korrekt darstellen. Dieser multisensorische Ansatz macht abstrakte Konzepte wie die Brüche wortwörtlich «begreifbar».

Geschichte/Geografie: Interaktive Karten, Dokumentarfilme und Exkursionen.

Beispiel: Erkunden Sie eine historische Stätte persönlich oder durch eine virtuelle Tour. Das Fühlen der Textur alter Steine, das Hören von Geschichten aus der Vergangenheit und das visuelle Eintauchen in die Umgebung erwecken die Geschichte auf eine Weise zum Leben, wie es Lehrbücher schlicht nicht können.

Der Einbezug multisensorischer Techniken erfordert keine vollständige Überarbeitung der derzeitigen Lehrmethoden. Oft geht es nur darum, den bestehenden Unterricht um weitere Sinnesebenen zu ergänzen, um sicherzustellen, dass das Lernen nicht nur eine intellektuelle Übung, sondern eine ganzheitliche Erfahrung ist.

Blume mit Tau

Tipps für das multisensorische Lernen zu Hause

Die Einführung des multisensorischen Lernens zu Hause kann den Bildungsweg Ihres Kindes grundlegend verändern. Allerdings kann sich der Einstieg in diesen Ansatz zunächst überwältigend anfühlen. Im Folgenden finden Sie einige praktische Tipps, die den Übergang reibungsloser und effektiver gestalten:

Fangen Sie klein an:

Tipp: Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie Ihre Hausaufgabenhilfe über Nacht revolutionieren müssen. Beginnen Sie damit, bloss eine multisensorische Aktivität einzuführen. Wenn Sie und Ihr Kind sich daran gewöhnt haben, können Sie nach und nach weitere Techniken nutzen.

Beispiel: Wenn Sie Ihrem Kind Addition näherbringen, nutzen Sie etwas wie Spielzeuge oder Lebensmittel. Wie viele kleine Autos passen denn hier nebeneinander in die Garage? Und wie sieht das draussen auf dem Parkplatz aus? Wie viele Riegel müsstest Du essen, um satt zu werden? Etc.

Nutzen Sie, was Sie haben:

Tipp: Multisensorisches Lernen erfordert keine teuren Hilfsmittel oder Ressourcen. Schauen Sie sich in Ihrem Zuhause um; Sie werden überrascht sein, wie viele Gegenstände sich für Lernzwecke umfunktionieren lassen.

Beispiel: Eine Reisschüssel und Buchstabensuppe können zur taktilen Buchstaben-Suchplattform werden. Töpfe und Pfannen können verwendet werden, um Klänge und Rhythmen zu lernen.

Beobachten Sie Ihr Kind:

Tipp: Jedes Kind ist einzigartig. Achten Sie darauf, welche Sinne Ihr Kind bevorzugt. Dies gibt Ihnen Aufschluss darüber, welche multisensorischen Techniken am effektivsten sind.

Beispiel: Wenn Ihr Kind sich gerne bewegt, sollten Sie mehr kinästhetische Aktivitäten wie Tanzen oder Rollenspiele einbeziehen. Wenn es sich zu Geräuschen hingezogen fühlt, sollten Sie Musik oder Soundeffekte in Ihrem Unterricht einsetzen.

ADHS-Kinder sind oft visuell veranlagt, weswegen Sie mit Bildern und Farben Erfolg haben dürften.

Bleiben Sie geduldig und flexibel:

Tipp: Nicht jede Aktivität wird ein Hit sein, und das ist auch in Ordnung. Ziel ist es, herauszufinden, was bei Ihrem Kind Anklang findet. Wenn etwas nicht funktioniert, nehmen Sie es als Lernchance und passen Sie Ihren Ansatz an.

Beispiel: Wenn ein taktiles Mathespiel mit Bohnen Ihr Kind nicht fesselt, wechseln Sie es aus. Vielleicht ist die Verwendung von Bauklötzen oder das Malen im Sand attraktiver.

Denken Sie daran, dass es beim multisensorischen Lernen vor allem um Erkundung und Entdeckung geht. Es ist ein gemeinsamer Prozess, bei dem Sie und Ihr Kind gemeinsam lernen und wachsen.

Mädchen mit Sensorikspiel

Vorteile über den akademischen Bereich hinaus

Obwohl das primäre Ziel des multisensorischen Lernens darin besteht, das akademische Verständnis zu verbessern, insbesondere bei Kindern mit ADHS, reichen die Vorteile weit über das Klassenzimmer hinaus. Indem mehrere Sinne angesprochen werden, fördert dieser Ansatz auch die ganzheitliche Entwicklung der Kinder. Und dies in einer Welt, welche durch die rapiden technischen Veränderungen zunehmend schneller, unberechenbarer und mehrdeutiger wird.

Hier weitere Vorteile des multisensorischen Lernens für Kinder mit ADHS:

Motorische Fertigkeiten: Aktivitäten, die Bewegung, Berührung und Koordination beinhalten, spielen eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung der motorischen Fähigkeiten. Für ADHS-Kinder, die manchmal Schwierigkeiten mit fein- und grobmotorischen Aufgaben haben, können diese Aktivitäten besonders vorteilhaft sein.

Beispiel: Bastelprojekte, bei denen geschnitten, geklebt und zusammengesetzt werden muss, können die Feinmotorik verbessern. Andererseits können Aktivitäten wie Tanzen, Hüpfen oder Balancieren die Grobmotorik verbessern und ADHS-Kindern helfen, ihre Bewegungen besser zu kontrollieren.

Soziale Fertigkeiten: Gruppenaktivitäten, die multisensorisches Lernen beinhalten, können für ADHS-Kinder eine Plattform sein, um mit Gleichaltrigen auf Augenhöhe zu interagieren, zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Durch diese Interaktionen können wichtige soziale Fähigkeiten wie das Abwechseln, Zuhören und Sich-ausdrücken geschult werden.

Beispiel: Ein Gruppenprojekt, bei dem Kinder ein Wandgemälde gestalten, kann Diskussionen über die Farbauswahl, das Abwechseln beim Malen und die Zusammenarbeit bei der Gesamtgestaltung beinhalten. Bei solchen Aktivitäten wird längst nicht nur Kunst gelehrt, sondern auch die Feinheiten von Teamarbeit und Kommunikation. Dasselbe gilt übrigens für viele (Brett-)Spiele.

Selbstwertgefühl: Lernerfolge können das Selbstvertrauen erheblich stärken. Wenn sich ADHS-Kinder an multisensorischen Aktivitäten beteiligen, die auf ihren Lernstil zugeschnitten sind, haben sie eher Erfolgserlebnisse, was wiederum ihr (oft angeknackstes) Selbstwertgefühl steigern kann.

Beispiel: Ein ADHS-Kind, das sich mit dem herkömmlichen Lesen schwertut, könnte mit strukturierten Buchstaben oder einer interaktiven App Erfolg haben. Diese Erfolgserlebnisse können dem Kind ein Gefühl der Erfüllung vermitteln – und seinen weiteren Lernwillen sichtlich stärken.

Auge in Universum

Zusammenfassung

Multisensorisches Lernen bietet eine Fülle von Erfahrungen, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von ADHS-Kindern eingehen. Es setzt dazu ganz einfach auf alle 5 Sinne, mit denen wir Menschen schon seit Anbeginn unserer Art das Leben erkunden und gestalten. Über die schulischen Leistungen hinaus ebnet multisensorisches Lernen auch den Weg für persönliches Wachstum. Es kann ADHS-Kindern helfen, sich in der Welt mit verbesserten Fähigkeiten, mehr Selbstvertrauen und Widerstandsfähigkeit zurechtzufinden. Eltern und Pädagogen können ADHS-Kindern mit diesem ganzheitlichen Ansatz ein stabiles Fundament für zukünftigen Lernerfolg und Glück im Beruf bieten.

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