Anderssein als Stärke: Was ADHS-Kinder besonders macht

Anderssein als Stärke: Was ADHS-Kinder besonders macht

Von ADHS betroffene Kinder erfahren zigmal mehr Kritik und Ausgrenzung als Neurotypische. Kein Wunder, werden manche von ihnen so resilient. Abgesehen davon macht aber auch Wertschätzung Menschen stark. Eine Liste von 10 ADHS-Tugenden.

Kreativität: Kinder mit ADHS denken oft unkonventionell – nämlich sogenannt divergent statt konvergent. Sie haben die Fähigkeit, in kurzer Zeit eine ganze Liste einzigartiger Ideen hervorzubringen. Wenn sie zeichnen, musizieren, schreiben, Dinge erfinden, können wunderbare kleine Kunstwerke entstehen. Eben nicht «normal» (korrekt: nicht neurotypisch) – sondern neurodivergent. Sie können diese Eigenschaft fördern, indem Sie für Ihr Kind einen ruhigen, gut aufgeräumten Ort schaffen, an dem es sein kreatives Talent ausleben kann. Zudem Zeitinseln, wo das möglich ist, ohne durch irgendwelche Termine unterbrochen zu werden.

Einfühlungsvermögen: Neurodivergente Kinder können sich gut in andere hineinversetzen und zeigen oft ein ausgeprägtes Verständnis für die Emotionen anderer (gehen dabei aber oft anders vor: Sie gleichen nämlich fremde Geschichten meist mit einem Abbild ihrer eigenen Erlebnisse ab). Allerdings ist ihre Sensibilität meist so ausgeprägt, dass es zur Überforderung kommen kann. Fremde Emotionen aufsaugen wie ein Schwamm, kann bedeuten, sich nicht mehr abgrenzen zu können. In diesen Fällen droht emotionaler Shutdown: In Form von Wutausbrüchen (eher hyperaktives ADHS, «Fight»-Reaktion) oder kompletter Abschottung (eher Träumer-ADHS, «Freeze»-Reaktion).

Starker Gerechtigkeitssinn: Sie haben ein ausgeprägtes Empfinden für Fairness und setzen sich oft für gleiche Chancen ein. Sie werden kaum jemals ein ADHS-Kind sehen, das beim Mobbing anderer Kinder mitmacht. Was hingegen geschehen könnte, ist, dass Mobber mit blutender Nase oder aufgeschürften Knien auftauchen, weil ein ADHS-Kind auf seine Art beherzt eingegriffen hat. Falls Sie als Lehrkraft damit konfrontiert sind, binden Sie bitte beide Seiten ein, wenn es um die Konfliktlösung geht. Physische Aggression zeigt sich in Form von Blessuren. Psychische Gewalt wie Mobbing wird hingegen oft viel zu spät erkannt. Zudem hat das ADHS-Kind völlig korrekt gehandelt: Tit-for-Tat ist erwiesenermassen die beste Strategie, um in ein disfunktionales System (z.B. Mobbing-Crew) wieder Ordnung reinzubringen.

Hilfsbereitschaft: ADHS-Kinder sind oft sehr bereit, anderen zu helfen und Unterstützung anzubieten. Das machen sie in erster Linie aus Herzlichkeit und Interesse an der Sache – nicht aus Berechnung oder um Anschluss in einer Gruppe zu finden. Diese Hoffnung wird manchmal schon recht früh aufgegeben, weswegen sie ADHS-Kinder auch eher mit einem besten Freund/einer besten Freundin sehen werden als in einer grossen Clique. Der beste Freund/die beste Freundin sollte dann auch besser nicht gemobbt werden (siehe oben...).

Hohe Wahrnehmungsfähigkeit: Sie können ihre Umgebung sehr bewusst wahrnehmen und sind aufmerksam gegenüber Dingen, die anderen vielleicht entgehen. Ihr oft visuell-räumlicher Lernstil erlaubt ihnen, sich ein Gesamtbild (auch mental) der Welt zu machen, wobei ihnen aber wiederum Details, Abgabezeiten und gewisse Regelvorgaben entgehen (diese werden indes oft auch sehr bewusst missachtet, ganz nach der Devise "Regeln kann man beugen"). In einer Gruppenarbeit werden die meisten ADHS-Kinder eher die Visionäre und Ideenlieferanten sein als die bis zum Ende ausdauernden und bis ins Detail peniblen Umsetzer. Ausser, es ist ganz ihr eigenes Projekt, das sie lieben. Dann können Sie sich auf etwas gefasst machen…

Neugier und Begeisterungsfähigkeit: Sie zeigen oft eine grosse Neugierde und können sich für Themen, die sie emotional und intellektuell packen, stark begeistern. Damit sind sie auch vorzügliche Inspiratoren und Motivatoren für andere Kinder. Die Schattenseite davon kann die «tödliche Langeweile» sein, welche diese Kinder empfinden mögen, wenn reine Fleissarbeiten (Schönschrift, Aufsatzkorrekturen, «Rechenblöcke» etc. anstehen). Sie werden ihrem Frust dabei häufig so stark Luft machen, dass ihr Umfeld in Mitleidenschaft gezogen wird.

Hochsensibilität (Hypersensibilität): Viele ADHS-Kinder verfügen über hohe Sinnes- und Wahrnehmungsqualitäten und eine starke emotionale Ausprägung. Miese familiäre Stimmung zuhause? Toxische Atmosphäre in der Schulklasse? Spannungen unter Freunden? Neurodivergente Kinder werden diese Dinge spüren, selbst wenn sie sie nicht klar benennen können. Hat Ihr Kind in der Kernfamilie immer die schlimmsten Wutausbrüche? Betrachten Sie das ganze Familiensystem, nicht nur die Symptomatik der Kinderwut. Oft sind diese Kinder eher so etwas wie das «Überdruckventil», als dass sie selbst den Druck aufbauen würden.

Authentizität und Aufrichtigkeit: Sie treten fast immer sehr authentisch auf und sind ehrlich in ihrer Kommunikation, auch wenn dies manchmal zu sehr direktem Feedback führt. Positiv dabei ist, dass Sie bei einem ADHS-Kind gleich wissen werden, woran Sie sind. Werden Missstände, etwa Ungerechtigkeit oder passive Aggressionen, allerdings dann nicht behoben, kann das auch zur «inneren Abschottung» führen. «Der Sonderling» zieht sich zurück, sagt nur noch wenig und will nicht bei Gruppenarbeiten etc. mitmachen. Gerade in der Schule sollten solche Situationen frühzeitig angeschaut werden, damit es nicht zu kompletter sozialer Isolation kommt.

Risikobereitschaft und Mut: Sie sind oft bereit, Risiken einzugehen und zeigen Mut, besonders in ungewöhnlichen oder neuen Situationen. Etwas noch nie auf diese Art gemacht? («das haben wir schon immer so und so getan»). Für das ADHS-Kind der schönste und beste Grund, es nun einmal auf eine andere Art zu versuchen. Im Spitzensport ist die Rate von ADHS-Betroffenen überdurchschnittlich hoch. In Gefängnissen allerdings auch (20% und mehr). Die Multimilliardäre Bill Gates und Richard Branson haben eine ADHS-Diagnose. Elon Musk: Asperger - eine Form von Autismus. Als Eltern können Sie ja zum Glück darauf Einfluss nehmen, ob sich Ihr Kind eher zur «hellen» oder zur «dunklen» Seite hinbewegt.

Fähigkeit zur intensiven Konzentration (Hyperfokus): Unter den richtigen Bedingungen können sich ADHS-Kinder tief und anhaltend auf Aufgaben konzentrieren, die ihr Interesse wecken. Allerdings werden Sie diese Motivation kaum extrinsisch (von aussen) wecken können. Natürlich können Sie Ihrem Kind aber diverse Hobbies vorschlagen, die es spannend finden könnte. Doch letztlich muss «das Feuer von innen lodern». Woran Sie denken sollten, um Ihr ADHS-Kind auch bei der Konzentration auf «weniger spannende Dinge» (also die meisten Hausaufgaben) zu unterstützen: Genug Schlaf, wenig Smartphone/Tablet-Konsum, gesunde Ernährung, viel Bewegung an der frischen Luft, regelmässige Entspannung, inspirierender sozialer Umgang – und natürlich die allerwichtigste Ingredienz: Bedingungslose Elternliebe, die ebenso Raum gibt wie sie gesunde Grenzen setzt (sogenannt autoritative Erziehung, in Abgrenzung zur autoritären Erziehung oder einem passiv-überforderten "laissez faire").

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Gossik - Die Kombination zwischen App und digitalem AD(H)S Coaching

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