Symbol für Scham

Am liebsten unsichtbar: Wofür sich ADHS-Betroffene schämen

Scham statt Stolz prägt den Alltag vieler Menschen mit ADHS. Weil Unaufmerksamkeit, Nervosität und Impulsivität ihren Tribut fordern. 5 häufige Schwächen, die wir lieber verstecken möchten.

Eigentlich ist es eine Ironie des Schicksals: Ausgerechnet Menschen mit ADHS, die Neurotypischen oft durch ihre Direktheit, Authentizität und Neugierde auffallen, verstecken sich in vielen Situationen «unter einer Maske».

Gründe für das «social masking» bei ADHS

Suche nach sozialer Anerkennung: Ein zentraler Beweggrund ist der Wunsch, akzeptiert zu werden. Das Offenlegen von ADHS-Symptomen kann zu Stigmatisierung führen, und viele befürchten, negativ beurteilt oder ausgegrenzt zu werden.

Frau in Scham

Anforderungen im Berufsleben: In Arbeitsumgebungen kann es erforderlich scheinen, Symptome zu verbergen, um als fähig und verlässlich angesehen zu werden. Ein offener Umgang mit ADHS-bedingten Herausforderungen kann unerwünschte Konsequenzen nach sich ziehen.

Persönliche Erwartungshaltungen und Selbstwert: Häufig sind es auch die internalisierten Erwartungen, die Personen mit ADHS veranlassen, ihre Symptome nicht zu zeigen. Vor allem bei früheren negativen Erfahrungen mit Offenheit neigen sie dazu, sich selbst und anderen gegenüber ihre Schwierigkeiten nicht einzugestehen, in dem Bestreben, sowohl den eigenen Ansprüchen als auch denen ihrer Umwelt gerecht zu werden.

Schamspiegel

5 Schwächen, die bei ADHS zu Scham führen

Hier sind fünf typische Dinge, für die sich ADHS-Betroffene oft schämen:

Organisationsprobleme: Viele Menschen mit ADHS haben Schwierigkeiten, organisiert zu bleiben. Sie verlegen häufig Gegenstände, vergessen Termine oder haben Probleme, ihre Zeit effektiv zu managen. Diese Organisationsprobleme können Gefühle des Versagens und der Unzulänglichkeit aufsteigen lassen.

Obwohl Leidenschaft für die Sache und eigenes Können diese Schwäche zum Teil problemlos kompensieren, bleibt sie ein auffälliger «Schandfleck», der in der Eile des Alltags unverhofft auftauchen kann. Etwa, wenn Daten oder der korrekte Wochentag verwechselt werden. Das Urteil des Umfelds lässt dann kaum auf sich warten. Ganz nach der Devise «also, wenn er/sie DAS nicht weiss, wie soll er/sie dann JENES packen…» (im Übrigen ein plumper Denkfehler, "pars pro toto").

Schamgesicht

Hohe Impulsivität: Impulsives Verhalten ist ein häufiges Merkmal von ADHS. Betroffene können Schwierigkeiten haben, ihre Reaktionen oder Äusserungen zu kontrollieren, was manchmal zu unangemessenen Kommentaren oder Entscheidungen führt.

Die Angst vor sozialen Fehltritten kann zu Schamgefühlen beitragen. Diese wiederum begünstigen sozialen Rückzug und «people pleasing», also ein Verhalten, bei dem man es möglichst «allen Recht machen» möchte, bloss um nicht wieder negativ aufzufallen. Dabei werden oft eigene Bedürfnisse vernachlässigt – und es mag erst noch als sozial unpassend empfunden werden («so freundlich wie der ist, da stimmt doch etwas nicht…»).

Konzentrationsprobleme: Menschen mit ADHS fällt es meist schwer, ihre Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, besonders bei Aufgaben, die sie als wenig anspruchsvoll und/oder wenig sinnvoll empfinden. Diese Konzentrationsschwierigkeiten können im Berufsleben, in der Schule oder bei alltäglichen Aufgaben Probleme nach sich ziehen und das Selbstwertgefühl beeinträchtigen.

Sehr dringende Aufgaben oder Dinge von vitalem Interesse werden dagegen oft mit einer Verve angepackt, die ihresgleichen sucht. Denn erst in diesen Situationen «feuern» gewisse Areale im Gehirn, die mit exekutiven Funktionen betraut sind.

Emotionale Labilität: Einige ADHS-Betroffene erleben starke emotionale Reaktionen und Stimmungsschwankungen. Diese können als Überreaktionen auf alltägliche Ereignisse wahrgenommen werden, peinlich auffallen und zu einem Gefühl der Unfähigkeit führen, die eigenen Emotionen zu kontrollieren. Der ADHSler wird dann als «cholerisch», «überempfindlich» oder «Diva» wahrgenommen. Dabei hat sie/er im Alltag schlicht viel mehr Mühe, bei starken Emotionen nicht in eine Fight-, Flight- oder Freeze-Reaktion zu verfallen. Die Hemmung der Impulse durch Areale im Stirnhirn ist also dauerhaft erschwert.

Schwierigkeiten beim Beenden von Aufgaben: Viele Menschen mit ADHS haben Probleme, Aufgaben zu beenden. Sie beginnen oft enthusiastisch mit neuen Projekten, verlieren aber schnell das Interesse oder werden durch andere Dinge abgelenkt. Dieses Muster kann ein Gefühl der Ineffizienz festigen und quälende Selbstzweifel hervorrufen.

Scham in Menschenmenge

Das als «Prokrastination» bekannte Phänomen lässt gerade im arbeitsteiligen Kontext auch Teammitglieder oder Vorgesetzte zweifeln. Dabei ist es eine Kompensation für die Andersartigkeit des ADHS-Gehirns (nur Dringlichkeit oder existenzielle Priorität bringen neuronal gesehen «vom Denken ins Tun»). ADHS-Medikamente können dieses Defizit zu einem guten Teil ausgleichen – doch der Grenznutzen von Ritalin etc. nimmt mit der Zeit signifikant ab (Gewöhnung des Gehirns).

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