Höllischer Bahnhof

5 Dinge, die ich aus der letzten Krise gelernt habe

Es gibt Dinge, die fegen einen von den Beinen. Und wenn man wieder aufsteht, ist man ein anderer Mensch. Meine letzte Krise hatte mit einer Trennung zu tun – doch gebracht hat sie eine tiefere Verbindung zu mir selbst.

«Vindica te tibi» schreibt der römische Philosoph Seneca in seinen «moralischen Briefen», etwa 62 nach Christus. «Rette dich Dir selbst» ist eine passende Übersetzung dafür – oder auch «nimm dich für dich in Anspruch». Ein schöner Ratschlag, doch so wirklich begriffen habe ich den Satz nie. Bis zur letzten Lebenskrise, die auch ein rechter «Höllentrip» war. Jetzt weiss ich, was der Mann gemeint hat. Ausserdem sind mir die folgenden 5 Dinge nun klar:

Gate of Hell

1. Worte sind manchmal gar nichts, Taten sind immer Taten

Ja, irgendwie logisch. Es wird schliesslich nicht alles, was gesprochen oder geschrieben wird, auch umgesetzt. Grad Menschen mit ADHS können ein Lied davon singen. Handkehrum gilt unsereins auch als sehr direkt, ehrlich, geradlinig und loyal. Vielleicht nicht zuletzt darum, weil wir wissen, wie es ist, wenn man sich auf jemanden nicht verlassen kann. Konkret: Auf uns selbst – und unser lückenhaftes Kurzzeitgedächtnis. Während einer Trennung habe ich gelernt, dass Worte – Versprechen – manchmal das pure Gegenteil bedeuten können. Dass mitunter bei Dingen gelogen wird, die über die Struktur einer Familie entscheiden.

Ich habe aber auch gelernt, dass völlig spontane Taten – etwa das Freiräumen eines WG-Zimmers und Express-Zügelhilfe – sein können wie der der erste Atemzug nach 2 Minuten unter Wasser. Ganz egal, was auf dieser Welt gesagt und geschrieben wird. Es sind nur Buchstaben und Silben. Was getan wird, zeigt hingegen Wirkung. Manchmal kommen Lawinen ins Rollen. Manchmal wird auch nur eine Bettdecke an einem anderen Ort aufgeschlagen (Danke Jvan S.). Aber bewirkt wird eben immer etwas.

Grausliche Treppe

2. Es geht meistens noch bisschen mehr…Schmerz

«Das würde ich nie aushalten», «Da würde ich so und so handeln», «Das würde mich fertigmachen». Wir sollten zurückhaltend sein mit diesen Sätzen. Am Ende werden sie zu selbsterfüllenden Prophezeiungen. Wie viel man wirklich aushält, findet man erst in einer Lebenskrise heraus. Was ich herausgefunden habe: Meistens geht viel mehr, als man sich früher einmal zugetraut hätte. Ist man dabei souverän, cool, voller Lebenskraft? Nein, eher nicht. Man weint, schwitzt Bettlaken voll und sieht am Morgen aus wie Dr. Frankensteins Monster nach dem Blitzeinschlag. ES lebt zwar, aber irgendwie ist ES nicht besonders vertrauenserweckend und gesellschaftsfähig.

Stundenlanges Wachliegen, bittere Tränen weinen, wochenlange Nervosität, überbordende Ängstlichkeit, paranoide Fantasien, Wellen der Aggression, Verzweiflung, Magenbrennen, Brustenge…ja, liegt alles drin. Es tut zwar dermassen weh, dass man einen Schläfenschlag und nachfolgendes Koma bevorzugen würde. Aber man überlebt das Ganze tatsächlich. Trotzdem würde ich jeder und jedem raten, in so einer Phase einige Stunden mit einer psychologischen Fachperson zu verbringen.

Feuriger Leopard

3. Dort, wo es am dunkelsten ist, wohnt die grösste Kraft

Ja, die Kirschen wachsen in der Sonne (und "cherry picking" geht immer, nicht bloss im Sommer). Die innere Kraft aber nicht. Die gedeiht am besten dort, wo es so richtig dunkel ist. Der britische Philosoph Alan Watts, der Lehren aus dem Buddhismus, Hinduismus und Taoismus einem breiten westlichen Publikum zugänglich gemacht hat, hat dazu das sogenannte «Backward Law» geprägt:

Der Wunsch nach einer positiven Erfahrung ist selbst eine negative Erfahrung. Eine negative Erfahrung zu akzeptieren, ist eine positive Erfahrung.

Beispiele?

Der Wunsch nach Kontrolle: Wir werden uns immer machtloser fühlen, je mehr wir versuchen, unsere Gefühle und Impulse zu kontrollieren. Unser Gefühlsleben ist chaotisch und oft unkontrollierbar, und unser Wunsch, es zu kontrollieren, verschlimmert noch das Problem. Zu akzeptieren, dass wir längst nicht alles kontrollieren können, macht uns hingegen gelassen und ruhiger. «Stoizismus» nannten es die Griechen.

Der Wunsch nach Liebe: Je mehr wir versuchen, andere dazu zu bringen, uns zu lieben und zu akzeptieren, desto weniger werden sie es tun. Und, was noch wichtiger ist: Desto weniger werden wir uns selbst lieben und akzeptieren können. Loszulassen und uns selbst Gutes zu tun, bewirkt hingegen inneren Frieden. Und der wiederum wirkt enorm anziehend auf andere Menschen.

Kommt dazu: Das Resultat aus erwünschten und dann gemachten positiven Erfahrungen im Aussen stimmt selten mit dem überein, was wir uns "im Defizit" sehnlichst erhofft hatten. Die Enttäuschung, die daraus folgen kann, lässt einen evtl. noch suchender/verzweifelter werden. Das Gefühl hingegen, das sich einstellt, wenn man erfolgreich innere Arbeit geleistet hat, ist immer überwältigend gut.

Als ich begann, die negative Erfahrung des Liebeskummers zuzulassen wie eine Blut saugende, mutierte Riesenmücke, wurde es zwar unglaublich schmerzhaft. Seit es mir aber wieder besser geht, wache ich jeden Morgen mit dem Wissen auf, etwas wirklich Zerstörerisches ganz selbst überstanden und recht unbeschadet überlebt zu haben.

Ein unbeschreiblich schönes, mittiges Gefühl. Ganz einfach rohe Lebenskraft.

Befreite Seele

4. Echte Liebe entspringt immer aus echter Selbstliebe

Das ist zwar schon lange kein Geheimnis mehr (siehe Seneca oben und alle, die seither bei den griechischen Philosophen abgeschrieben haben), doch wieder einmal sagen schadet nicht. Nur uns selbst nehmen wir unverfälscht und mit allen Sinnen wahr. Die Annahme über die Gefühle anderer ist immer eine Projektion eigener Erfahrungen, die wir gemacht haben («in so einer Situation würde ich mich wohl traurig fühlen»).

Würden wir jemandem unsere Kinder anvertrauen, der null Erfahrung mit Kindern hat? Kaum. Bloss: Ein «inneres Kind» haben wir alle in uns – also verletzte Anteile, die oft mit Gefühlen von Schuld, Scham oder Unzulänglichkeit einhergehen. Menschen, die diese Anteile bei sich selbst angenommen haben, können sie auch bei anderen annehmen. Wer das nicht getan hat, wird kaum damit umgehen können, wenn andere sie an den Tag legen. Wie auch? Er/sie hat es ja nie geübt. Das ist alles erst einmal recht beschwerlich, traurig, vielleicht auch lästig. Denn Liebe benötigt immer einen Haufen Akzeptanz. Doch wie anderswo akzeptieren, was man an sich selber hasst? Die «Quadratur des Kreises» oder «Den Pudding an die Wand nageln» geht deutlich einfacher.

Selbstliebe hat nichts mit Egoismus zu tun. Sie bedeutet in erster Linie, genug Nachsicht und Mitgefühl für die eigenen Fehler zu haben – und sich nicht immer dafür zu verurteilen, was man noch nicht gut (genug) kann. Daraus erwächst eine gewisse Geduld. Und Geduld, das weiss jede Mutter und jeder Vater, ist auch in der Liebe zu Kindern – «innere» wie äussere – absolut essenziell.

Lieber christliche Werte als antike Philosophie und New Age? Geht auch. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", sagte Jesus (Matthäus 22,37– 39). Bedingt also, dass man sich selbst einigermassen liebt. Sonst bekommt dem Nächsten ein grosses Bier wohl besser.

Planet Erde

5. Wir sind alle alleine, können aber zusammen drüber reden

Wieder ein Tag, der nur wehgetan hat, wieder eine schlaflose Nacht oder fetzenhafte Albträume. Wenn man in diesen Momenten kurz hinschaut, wo es am meisten weh tut (oft Brust oder Bauchgegend), wird auch schnell klar: Wir kommen alleine – und wir werden alleine gehen. Das ist erschreckend und kann sich anfühlen wie der ungebremste Fall in einem kaputten Lift ohne Notbremsen. Aber es ist auch für alle Menschen gleich. «Nimm dich für dich in Anspruch», schrieb Seneca. «So wird es geschehen, dass Du weniger vom morgigen Tag abhängst, wenn Du auf den heutigen Tag Deine Hand legst».

Die eigene Hand kann man aber auch auf die Brust oder den Bauch legen. Dann ist man zwar immer noch genau gleich alleine, aber eben mit einer warmen Hand auf dem Körper. Zudem gibt es nicht wenige Menschen, gute Freunde etwa, mit denen es sich wunderbar über diese Dinge sprechen lässt. Und: Denen geht es, wenn sie denn ehrlich sind, genau gleich. Dieses warme Gefühl, dass andere exakt begreifen, wie ES sich anfühlt, ist dann ebenfalls im Raum. Und vielleicht steht noch ein gutes Glas Wein auf dem Tisch.

«Die Einsamkeit ist eine schöne Sache, aber man braucht einen, der einem sagt, die Einsamkeit sei eine schöne Sache», schrieb der Franzose Honoré de Balzac. Das ist zwar ein bisschen absurd, aber das gilt ja auch für das Leben auf einer schnell drehenden, 4.5 Milliarden Jahre alten Kugel, umgeben von einem minus 273 Grad Celsius kalten, endlosen Universum.

Adler

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