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ADHS-Paralyse: Gefangen in der Blockade

Eine weniger bekannte, aber ebenso belastende Ausprägung der Neurodivergenz ist die sogenannte "ADHS-Paralyse". Hier erfahren Sie mehr darüber.

Paralyse? Dieses Phänomen beschreibt einen Zustand, in dem Betroffene trotz klarer Aufgaben und Ziele unfähig sind, zu handeln. Der Alltag wird zur Herausforderung, da selbst einfache Tätigkeiten unüberwindbar erscheinen. Dieser Blog gliedert sich in drei Kapitel, um die ADHS-Paralyse - und den damit verbundenen „Inaction-Effekt“ - zu beleuchten sowie Strategien zur Überwindung dieser Blockade aufzuzeigen.

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Was sind die ADHS-Paralyse und der Inaction-Effekt?

Die ADHS-Paralyse ist ein Zustand der mentalen Blockade, in dem Betroffene trotz bestehender Motivation und Planung nicht in der Lage sind, eine Aufgabe zu beginnen oder abzuschliessen. Dies führt zu einer frustrierenden Handlungsunfähigkeit, die sich oft in einem Teufelskreis von Prokrastination und Selbstvorwürfen manifestiert. "Wollen" und "Machen" sind (auch) im Gehirn zwei sehr unterschiedliche Dinge, bzw. werden von anderen neuronalen Verbünden "getriggert". Und Dopamin (Neurotransmitter), das bei ADHS im Stirnhirn unzureichend bereitgestellt wird, ist entscheidend, damit es bei Aufgaben vom reinen Denken zum Umsetzen kommt.

Ein zentrales Konzept, das eng mit der ADHS-Paralyse verbunden ist, ist der "Inaction-Effekt". Dieser beschreibt das psychologische Phänomen, dass Menschen oft mehr Bedauern über Dinge empfinden, die sie nicht getan haben, als über jene, die sie unvollkommen ausgeführt haben. Bei Menschen mit Neurodivergenz kann dieser Effekt besonders stark ausgeprägt sein, da sie dazu neigen, über vergangene "verpasste" Handlungen zu grübeln. Diese Grübeleien verstärken die Blockade, wodurch das Problem weiter verschärft wird.

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Neurologische Gründe für die ADHS-Paralyse

Die neurologischen Grundlagen der ADHS-Paralyse liegen in der Funktionsweise des Gehirns von Menschen mit Neurodivergenz. Im Zentrum stehen dabei die exekutiven Funktionen, die im präfrontalen Kortex des Gehirns verortet sind. Dieser Hirnbereich ist entscheidend für Planung, Organisation, Impulskontrolle und die Fähigkeit, Aufgaben zu beginnen und zu beenden. Bei ADHS sind diese Funktionen unter unpassenden Lebens- und Arbeitsumständen beeinträchtigt, was die Initiierung von Handlungen erheblich erschwert.

Unpassend sind vor allem Kontexte, wo zu wenig interessante Stimuli und Herausforderungen warten - bzw. repetitive, geistig/motorisch anspruchlose Tätigkeiten gefragt sind.

Ein weiterer relevanter neurologischer Aspekt ist das dopaminerge System. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eng mit Motivation, Belohnung und Antrieb verknüpft ist. Bei Menschen mit Neurodivergenz gibt es Hinweise darauf, dass die Dopaminproduktion und -verfügbarkeit im Gehirn vermindert ist. Dies führt zu einem geringeren Antrieb und einer erhöhten Anfälligkeit für Ablenkungen. Die mangelnde Dopaminaktivität erklärt auch, warum Betroffene Schwierigkeiten haben, bei Aufgaben ohne sofortige Belohnung oder Anreiz in Aktion zu treten.

Zudem beeinflusst die Unteraktivität im präfrontalen Kortex die Regulation von Emotionen und Stress. Menschen mit Neurodivergenz neigen dazu, schnell überfordert zu sein, was wiederum die Paralyse verstärken kann. Die Überflutung mit Reizen und die Unfähigkeit, Prioritäten zu setzen, führen oft dazu, dass Betroffene sich in einer Starre befinden und keine Entscheidung treffen können.

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Strategien zur Überwindung der ADHS-Paralyse

Trotz der neurologischen Herausforderungen, welche die ADHS-Paralyse mit sich bringt, gibt es verschiedene Strategien, um dieser mentalen Blockade entgegenzuwirken. Ein erster Schritt ist das Erkennen und Akzeptieren der eigenen Grenzen. Dies kann helfen, den Druck zu mindern und realistische Ziele zu setzen. Folgende Ansätze haben sich als besonders effektiv erwiesen:

1. Beruhigung des Nervensystems: Atemübungen und andere Techniken zur Stressbewältigung, wie die Wim-Hof-Atemtechnik, können helfen, das Nervensystem zu beruhigen und eine Grundlage für aktives Handeln zu schaffen.

2. Zerlegen von Aufgaben: Grosse Aufgaben in kleinere, machbare Schritte zu unterteilen, kann die überwältigende Wirkung reduzieren und den Einstieg erleichtern.

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3. Erstellen einer Startroutine: Eine feste Routine vor Beginn einer Aufgabe hilft, den Übergang in den Arbeitsmodus zu erleichtern. Hierzu zählen einfache Aktivitäten wie ein kurzer Spaziergang oder das Aufräumen des Arbeitsbereichs.

4. Nutzung von Timeboxing: Bei dieser Methode wird für jede Aufgabe ein festes Zeitfenster definiert. Dies kann die Motivation erhöhen und die Tendenz zur Prokrastination verringern.

5. Unterstützung suchen: Manchmal kann die Anwesenheit oder Unterstützung einer anderen Person dabei helfen, den ersten Schritt zu machen und die Aufgaben anzugehen. Das können ADHS-Coaches od. ein Psychologe/eine Psychologin sein.

Icy River

Die ADHS-Paralyse ist eine ernstzunehmende Herausforderung, die den Alltag erheblich beeinträchtigen kann. Doch mit den richtigen Strategien und einem Verständnis für die zugrunde liegenden Mechanismen lernen Betroffene, diese Blockade zu durchbrechen und mehr Kontrolle über ihre Handlungen zu erlangen.

FAQ: Die häufigsten Fragen zur ADHS-Paralyse

1. Ist ADHS-Paralyse einfach eine Ausrede fürs Aufschieben?

Nein. ADHS-Paralyse ist kein rhetorischer Trick, sondern ein neurobiologischer Zustand. Das Gehirn weiss, was zu tun wäre, schafft aber den Aktivierungsstart nicht. Betroffen ist vor allem die exekutive Steuerung im Stirnhirn. Faulheit setzt Wahlfreiheit voraus. ADHS-Paralyse nicht.

2. Warum fühlt sich selbst eine kleine Aufgabe plötzlich riesig an?

Weil das ADHS-Gehirn Aufgaben schlecht skaliert. Ohne klare Priorisierung wirkt alles gleich schwer, gleich dringend, gleich bedrohlich. Eine E-Mail kann sich anfühlen wie ein Grossprojekt. Erst wenn ein konkreter, kleinstmöglicher Einstieg sichtbar wird, löst sich die Blockade.

3. Weshalb hilft Druck manchmal – und macht es oft schlimmer?

Kurzfristiger Druck kann Dopamin freisetzen und den Motor starten. Langfristig führt er jedoch zu Stress, Angst und Vermeidung. Viele ADHS-Betroffene funktionieren nur noch im Notfallmodus. Das ist effektiv, aber teuer bezahlt: mit Erschöpfung, Selbstvorwürfen und Dauerstress.

4. Warum scheitern klassische Zeitmanagement-Tipps bei ADHS so oft?

Weil sie von einem stabilen Belohnungssystem ausgehen. To-Do-Listen, langfristige Ziele oder „einfach anfangen“ setzen eine Motivation voraus, die bei ADHS oft fehlt. Was hilft, sind externe Strukturen, sichtbare Zeit, sofortige Rückmeldungen und Aufgaben mit emotionalem Sinn.

5. Was ist der wichtigste erste Schritt aus der Paralyse?

Nicht mehr Druck, sondern weniger Komplexität. Eine Aufgabe schrumpfen, bis sie lächerlich klein wirkt. Zwei Minuten. Ein Handgriff. Ein Satz. Bewegung erzeugt Dopamin, nicht umgekehrt. Wer wartet, bis Motivation auftaucht, bleibt stehen. Wer startet, erzeugt sie unterwegs.

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3 Kommentare

Hat burn-out auch was damit zu tun ? 🤔

Michael Heinrich

Danke!
Ich praktiziere die Wim Hof Atemtechnik seit ca. 5 Jahren und kann bestätigen, dass sie sehr gut hilft. Zum Einstieg darf, soll und kann man die Atemzüge und Atem- Pausen genau für sich passend ausführen, was gerade auch mit zusätzlichem Trauma im Hintergrund wichtig ist. Ausprobieren, dran bleiben, Stück für Stück! Geht gut auch ohne Coach!

Birgit Amsler

Sehr interessant. Ihr müsstet nur dazuschreiben, wie man zeitnah an geeignet qualifizierte Therapeuten gelangt.
So bleibt das häre Wissenschaft.

Schumann

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