Narzisstin

Toxisches Verhalten und (vulnerabler) Narzissmus (1/3)

Menschen leben, lieben und machen Fehler. Doch es gibt Verhaltensweisen, die keinen Platz in menschlichen Beziehungen haben. Sie gehören auf den «Scheiterhaufen der Interaktion». Darum – und um Narzissmus – geht es in dieser Serie.

Ein passender Witz zum Charakter des Ex-Präsidenten Donald Trump könnte in etwa so lauten: «Warum hasst Trump alle Narzissmus-Tests im Internet? Antwort: Es ist ihm bisher nie gelungen, mehr als 96 von 100 möglichen Punkten zu erreichen.» Die volkstümliche Auffassung von Narzissmus sind Menschen wie Trump oder arrogante CEOs. Sie gehen über Leichen – sind aber genau darauf auch sehr stolz. Es gibt indes noch andere Formen von Narzissmus. Verdeckt, unsicher, ängstlich. Doch was steckt überhaupt hinter dem überstrapazierten Etikett – und wieso möchten Sie möglichst wenig davon in Ihrem Leben haben?

Narzisst

Narzissmus: Die «Selbstverliebtheit» bar jeglicher Selbstliebe

In seinen «Metamorphosen» erzählt der griechische Dichter Ovid (43 vor Chr. bis ca. 17 nach Chr.) die Geschichte eines tragischen Jünglings. NARZISS verschmäht alle seine Verehrerinnen und Verehrer gleichermassen. Nemesis, die Göttin des gerechten Zorns, bestraft den unendlich wählerischen Mann daraufhin mit Liebe zu seinem eigenen Spiegelbild. Zwar durchschaut er die Täuschung, leidet also Höllenqualen, doch er kann sich bis zu seinem Tod nicht von seinem Anblick im Wasser des Teiches lösen. Nach seinem Tod wird er in eine – immerhin nicht unschöne – Narzisse am Ufer verwandelt.

Ein Leben in Leere, doch auch im Zwang nach äusserer Bestätigung. Keine Überzeugung, aus sich heraus zu genügen. Auch keine gesunde Spiegelung des Selbst mithilfe von Kreativität und Kunst – sondern ein stetiges Streben nach Anerkennung in der blossen Reflexion durch die Aussenwelt. Der Psychiater Sigmund Freud etablierte den Begriff «Narzissmus» 1914 in einem Essay zum Thema. Heute wird er in verschiedenen Kontexten benutzt – von der Psychologie bis zur Management-Theorie.

Narzisstin

2024: Eine gute Zeit für diese Art von «Selbstliebe»

Soziale Plattformen wie Instagram sind voll von – meist jungen und attraktiven – Menschen, die sich auf allen möglichen Kontinenten in immer ähnlichen Posen präsentieren. «Influencer» geniessend am Traumstrand, plappernd in den angesagtesten Trend-Bars, wandernd auf dem Machu Picchu in Peru. Die Bildaussage? «Schau einmal, was ich für ein geiles Leben habe. Und alles, was ich dafür tun muss, ist zu zeigen, was ich für ein geiles Leben habe». Ein logischer Zirkelschluss. Und doch auch ein sehr gut funktionierendes Geschäftsmodell in einer zutiefst narzisstischen Zeit.

Leistung kann heute darin bestehen, von möglichst vielen Leuten gesehen und geliked zu werden. Selbst wenn die Person keinen gesellschaftlichen Mehrwert erbringt – und ungeschminkt bzw. ohne Profi-Fotograf von Otto Normalo nicht zu unterscheiden wäre. Oder nicht einmal von Nosferatu nach dem Frühstück. Viele Likes bedeuten viel Zuspruch weltweit und klingelnde Kassen bei Tech-Konzernen wie Meta. Viel anonymer Zuspruch ist wie ein wunderbares, leeres Spiegelbild. Narzissmus eben, aber in der digitalen Version des 21. Jahrhunderts.

Mann einsam

Stärkste Währung: Aufmerksamkeit. Verteilung: Sehr ungleich

Aufmerksamkeit gehört ökonomisch wie biologisch gesehen zu den stärksten Währungen der Welt. In einer Welt der Zapper, Querleser und «Kampf-Liker» misst sich die Aufmerksamkeit in Sekunden und Klicks, die jemand etwa sozialen Plattformen wie Instagram zukommen lässt. Im Partnermarkt – bei Tieren wie Menschen – geht es darum, Zeit und Paarungsbereitschaft von Artgenossen zu bekommen.

Egalitär verteilt ist die Aufmerksamkeit nie: Konkret sind z.B. 78 Prozent der attraktivsten Frauen auf der Dating-Plattform Tinder nur an 20 Prozent der attraktivsten Männer interessiert. Bei den Nilpferden hingegen halten sich die stärksten Männchen mal eben einen ganzen Harem an Weibchen, während die Betas und Gammas eine Wasserpfütze weiter trotten müssen. Aufmerksamkeit ist also durchs Band knapp und begehrt – ökonomisch gesehen ist sie darum auch sehr hoch bepreist.

Die Aufmerksamkeits-Ökonomie ist zudem keine Meritokratie. Will heissen: Es bekommt nicht zwingend die oder der am meisten davon, die/der sich durch besonders anerkannte Leistungen verdient macht. So kann eine Website zur Sammlung von Spenden gegen Kinderhunger im digitalen Niemandsland dümpeln, während eine findige Frau, die ihre Fürze im Konfitürenglas online verkauft (1000 USD pro Glas), es auch schon mal auf Seite 3 in der Gratiszeitung «20 Minuten» schafft. Sie muss nicht zwingend dafür bezahlt haben, denn Gratiszeitungen finden so etwas eine «geile Story».

Frau traurig

Und was hat denn das nun mit ADHS zu tun?

(Fast) jeder Mensch, überzeugte Einsiedler mal ausgenommen, hat ein Grundbedürfnis nach Akzeptanz und «gesehen werden». Babys gehen bekanntlich körperlich zugrunde, wenn man sie nur füttert und danach konsequent wieder alleine lässt (so grausam das klingt: dieses Experiment wurde durchgezogen). Menschen mit ADHS, besonders jene des hyperaktiven Typs (ADHS-H), erfahren allerdings von Kindesbeinen an nicht bloss Aufmerksamkeit. Psychologen gehen vielmehr davon aus, dass sie bis zu 20 Mal häufiger unsachliche Kritik und Ablehnung erfahren als ihre neurotypischen Altersgenossen.

Die Folge davon kann sozialer Rückzug sein, das Manko kann sich aber auch in verstärkt forderndem, «asozialen» Verhalten äussern. So oder so ist die Reaktion der Schule dann des Öfteren Ablehnung («ah, eine kleine Diva, ist sich wohl zu gut für die Gruppe») oder eben Ausschluss («wenn der immer meint, gleich einen Wutanfall kriegen zu müssen, kann er halt auch nicht mehr mitmachen»).

Mann nachdenklich

Aufmerksamkeitssüchtig oder ganz einfach anders?

Kleine Narzisstinnen und Narzissten unter uns? Tatsächlich wird dieser Vorwurf häufig an ADHS-Betroffene gerichtet. Weil sie viel plaudern, unterbrechen, ihren Elan nicht immer zügeln können, bisweilen laut sind, plötzlich abwesend wirken, das Thema wechseln, weitschweifig erzählen, keine Diplomatie kennen usw. Eben typisch ADHS. Dabei wäre die einfachste und humane Lösung der tolerante soziale Einbezug – in Kenntnis der Herausforderungen, mit denen ADHSler täglich kämpfen: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität/Nervosität und eben Impulsivität. Das kennen wir doch alle? Ja, tun wir. Bloss ist der Regler dieser Charakterzüge bei ADHS eben permanent auf 4 oder 5 von 5 gestellt, während neurotypische Menschen flexibel zwischen 1 bis 5 pendeln. Schon mal auf Stufe 5 von 5 schonend Essen erwärmt? Noch anstrengend, oder?

Der sogenannte «Ableism» beschreibt dieses Dilemma. Er lässt sich in etwa mit folgender gesellschaftlicher Norm umreissen: «Aha, ADHS, interessant. Ja Du, solange Du dich trotzdem NORMAL verhälst, kann ich das voll respektieren. Und sonst…solltest Du dir vielleicht etwas mehr Mühe geben. Oder jedenfalls deine Pille am Morgen nicht vergessen». Der Autor dieses Blogs (1h 30 Arbeit) würde das manchmal auch gerne jenen neurotypischen Menschen sagen, die einen halben oder ganzen Tag an einem Text verzweifeln, um ihn dann recht mittelmässig geschrieben abzuliefern. Aber es ist ein wenig arrogant, nicht? Er/sie kann es halt einfach nicht besser.

Im nächsten Blog (2/3): Toxische Formen der zwischenmenschlichen Kommunikation

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