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Montessori bei ADHS: Spielend Selbstregulation fördern

Viele ADHS-Kinder wirken unruhig, impulsiv oder schnell frustriert. Montessori-orientierte Materialien setzen genau dort an. Mit Struktur, haptischem Lernen und freier Wahl...

Viele Eltern von Kindern mit ADHS kennen das Gefühl von Überforderung. Deshalb wirkt der Alltag oft laut, hektisch und chaotisch. Hausaufgaben werden zur Zerreissprobe. Spielen endet schneller im Streit als in Entspannung.

Genau hier stellen sich viele Mütter und Väter die Frage: Gibt es Spiele, die meinem Kind wirklich helfen? Nicht nur zur Ablenkung, sondern für die Entwicklung?

Montessori-orientiertes Spiel bietet genau diesen Ansatz. Es geht nicht um blinkende Lichter oder laute Effekte. Stattdessen um Struktur, Klarheit und echtes Lernen durch Tun. Montessori-Materialien wurden zwar nicht speziell für Kinder mit ADHS entwickelt. Viele ihrer Prinzipien passen jedoch besonders gut zu den Bedürfnissen vieler Kinder mit ADHS. Sie können Fokus, innere Ruhe und Selbstregulation fördern.

Kind am Spielen

ADHS bedeutet nicht fehlende Intelligenz oder mangelnde Motivation. Im Gegenteil. Viele Kinder mit ADHS sind kreativ, sensibel - und oft besonders begabt in gewissen Gebieten. Was ihnen fehlt, ist nicht der Wille, sondern die Fähigkeit, Reize zu filtern und ihr Verhalten zu steuern. Montessori setzt mit strukturierter Lernumgebung und eigenständigem Arbeiten genau hier an.

In diesem Artikel erfahren Sie, warum Montessori bei ADHS mehr ist als nur ein pädagogischer Trend. Außerdem lernen Sie, wie gezielt ausgewählte Materialien die Selbstregulation stärken. Sie bekommen konkrete Beispiele für Lern- und Tastmaterialien. Schliesslich erfahren Sie, wie Sie Montessori-Ideen alltagstauglich in Ihr Zuhause integrieren. Alles praxisnah, verständlich und mit Blick auf den Familienalltag.

Selbstregulation: Warum sie gerade bei ADHS so entscheidend ist

Selbstregulation ist die Fähigkeit, eigene Gefühle, Gedanken und Handlungen zu steuern - und gewisse Impulse aus den alten Hirnteilen (z.B. Wut) mit dem Stirnhirn "abzufedern". Für Kinder mit ADHS ist genau das besonders schwer. Ihr Gehirn verarbeitet Reize anders. Geräusche, Bewegungen oder visuelle Eindrücke prasseln viel stärker ungefiltert ein. Die Modulation kostet enorm viel Energie.

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung betrifft ADHS etwa 5 % der Kinder und Jugendlichen. Die Zahlen in der Schweiz sind ähnlich. Deshalb haben diese Kinder oft Schwierigkeiten mit Impulskontrolle, Aufmerksamkeit und Emotionsregulation. Das zeigt sich im Alltag sehr konkret.

Beispiel: Ein Kind möchte ruhig ein Puzzle legen/Modell bauen. Nach zwei Minuten springt es auf. Es wird enorm wütend, wenn ein Teil nicht passt bzw. fehlt. Oder es verliert komplett das Interesse. Genau hier zeigt sich fehlende Selbstregulation.

Für Eltern ist das häufig schwer auszuhalten. Deshalb entsteht schnell der Eindruck, das Kind „will nicht“ oder „strengt sich nicht an“. Tatsächlich kann das kindliche Nervensystem die Anforderungen in diesem Moment nicht ausreichend steuern. Selbstregulation ist keine Frage von Disziplin, sondern eine neurologische Fähigkeit, die sich entwickeln muss. Liebevolle und gleichzeitig klare Grenzen setzende Erziehung trägt entscheidend dazu bei.

Montessori-orientierte Materialien setzen auf Wiederholung, klare Abläufe und eigenständiges Handeln. Sie geben dem Kind Kontrolle zurück. Das stärkt das Gefühl von Sicherheit. Und Sicherheit ist eine wichtige Grundlage für Selbstregulation.

Diverse pädagogische Studien zeigen, dass strukturierte Lernumgebungen Kindern mit ADHS helfen, länger bei einer Aufgabe zu bleiben. Laut dem Max-Planck-Institut profitieren Kinder besonders von Materialien, die mehrere Sinne ansprechen (Quelle).

Montessori nutzt genau dieses Prinzip. Lernen mit Händen, Augen und Bewegung. Nicht abstrakt, sondern konkret. Das ist ein zentrales Element der Methode.

Die Montessori-Grundprinzipien und ihre Wirkung bei ADHS

Montessori basiert auf wenigen - aber klaren -  Prinzipien. Diese können besonders hilfreich für Kinder mit ADHS sein. Das wichtigste Prinzip lautet: „Hilf mir, es selbst zu tun“. Auch wichtig: Grad DANK Fehlern lernen wir.

Kinder arbeiten eigenständig mit Materialien. Sie wählen ihr Tempo selbst. Montessori verzichtet weitgehend auf äussere Belohnungssysteme und Wettbewerb. Für Kinder mit ADHS kann das entlastend wirken, da äußerer Druck häufig zu innerer Unruhe oder Verweigerung führt.

Ein zentrales Element sind klar strukturierte Materialien. Jedes Material hat einen festen Platz. Jede Aufgabe hat einen Anfang und ein Ende. Das reduziert Reizüberflutung und gibt Orientierung. Gerade Kinder mit ADHS profitieren von dieser Vorhersehbarkeit. Nicht, weil sie nicht mit Chaos umgehen können. Oft können sie das sehr gut (Kreativität). Doch die Struktur entlastet die anfangs erwähnten Reizfiltersysteme.

Besonders wichtig ist die sogenannte „Kontrolle des Fehlers“. Viele Montessori-Materialien ermöglichen dem Kind, selbst zu erkennen, ob eine Aufgabe funktioniert. Ein Zylinder passt oder passt nicht. Das fördert Selbstständigkeit und Frustrationstoleranz.

Für Kinder mit ADHS kann das entscheidend sein. Deshalb brauchen sie häufig weniger verbale Korrektur und weniger Eingreifen von aussen. Stattdessen erleben sie Erfolg durch eigenes Tun, was das Selbstwertgefühl stärkt.

Auch das Thema Bewegung ist zentral. Montessori betrachtet Bewegung als wichtigen Bestandteil des Lernens. Ein Kind darf stehen, knien oder sich kurz bewegen. Das passt zu den Bedürfnissen vieler Kinder mit ADHS - und kann Konflikte reduzieren.

Montessori Infografik

Tastmaterialien als Schlüssel zu Fokus und Ruhe

Tastmaterialien spielen eine besondere Rolle bei ADHS. Viele Kinder regulieren sich über Bewegung und Berührung. Deshalb brauchen sie häufig etwas in den Händen, um innerlich ruhiger zu werden.

Montessori-Tastmaterialien sind bewusst schlicht gestaltet. Häufig bestehen sie aus Holz, Stoff oder Metall und bieten unterschiedliche Oberflächen sowie klare Formen. Auch diese Reduktion aufs Wesentliche hilft, Reizüberflutung zu vermeiden.

Typische Beispiele sind Tasttafeln, Gewichtstabletts oder Sortierspiele. Das Kind fühlt Unterschiede. Es ordnet. Es vergleicht. Dabei wird der Tastsinn aktiv genutzt, was die Aufmerksamkeit stärkt (Körper und kognitive Prozesse stehen immer im Wechselspiel).

Gerade bei innerer Unruhe können solche Materialien helfen, überschüssige Energie in strukturierte Handlungen zu lenken. Aus ziellosem Zappeln entsteht schnell eine sinnvolle, fokussierte Tätigkeit.

Wirkung von Montessori-Tastmaterialien
Material
Tasttafeln
Geförderte Fähigkeit
Sensorische Differenzierung
Geeignet bei ADHS
Sehr gut
Material
Sortierkästen
Geförderte Fähigkeit
Fokus und Ordnung
Geeignet bei ADHS
Sehr gut
Material
Gewichtsmaterial
Geförderte Fähigkeit
Körperwahrnehmung
Geeignet bei ADHS
Gut
Viele Eltern berichten, dass ihr Kind mit einem einfachen Sortierspiel aus Holz länger konzentriert bleibt als mit digitalen Lernspielen. Das liegt an der klaren Struktur und der haptischen Erfahrung (>Tastsinn gefordert).

Lernspiele nach Montessori im Alltag einsetzen

Viele Eltern fragen sich: Wie integriere ich Montessori-Spiele realistisch in unseren Alltag? Die gute Nachricht: Es braucht kein perfektes Montessori-Zimmer und keine teuren Spezialmöbel.

Wichtig ist eine vorbereitete Umgebung. Weniger ist mehr. Lieber fünf gut ausgewählte Materialien als ein überfülltes Regal. Ordnung hilft nicht nur dem Kind, sondern auch den Eltern.

Ein typischer Ablauf könnte so aussehen: Das Material steht sichtbar bereit. Das Kind entscheidet, wann es damit arbeiten möchte. Keine Aufforderung. Kein Druck. Die Eltern begleiten ruhig und beobachtend.

Vorher-Nachher-Szenarien zeigen den Unterschied deutlich. Vorher: Ein Kind wechselt ständig das Spiel, wird schnell frustriert und sucht Reize. Nachher: Es arbeitet länger an einer Aufgabe, pausiert bewusst und räumt selbst auf.

Ein besonders bewährtes Material bei ADHS sind Steck- und Zuordnungsspiele. Sie fördern logisches Denken und Feinmotorik. Gleichzeitig geben sie klare Grenzen und ein klares Ziel. Das Montessori-Geoboard mit Lernkarten ist ein Beispiel dafür.

Dieses Video zeigt praxisnahe Beispiele, die leicht umzusetzen sind. Viele Eltern fühlen sich danach sicherer im Umgang mit den Materialien.

Häufige Herausforderungen und praktische Lösungen

Natürlich läuft nicht alles immer ruhig. Auch mit Montessori-Materialien gibt es schwierige Tage. Kinder mit ADHS haben gute und schlechte Phasen, abhängig von Schlaf, Reizen und emotionaler Belastung. Die kennt jedes Kind. Bei ADHS sind sie aber wohl noch etwas...extremer.

Eine häufige Herausforderung ist Überforderung. Wenn ein Material zu komplex ist, steigt die Frustration. Deshalb hilft es, Aufgaben zu vereinfachen, einzelne Schritte zu isolieren und das Tempo anzupassen.

Ein weiteres Thema ist Ablenkung. Umgebungs-Geräusche, laute Geschwister, Fernseher oder offen herum liegende Tablets/Handys stören den Fokus. Hier helfen klare Rituale, feste Arbeitszeiten und ein ruhiger Spiele- bzw. Lernort 

Manche Kinder verweigern Materialien zunächst. Das ist kein Scheitern. Oft braucht es Zeit, bis Interesse entsteht. Zwang wirkt kontraproduktiv.

Expertinnen aus der Ergotherapie empfehlen, Materialien nicht ständig zu wechseln. Außerdem schafft Wiederholung Sicherheit und Kompetenz. Das bestätigt auch der Berufsverband der Ergotherapeuten (Quelle).

Pausen sind wichtig. Selbstregulation bedeutet nicht "stundenlang Sitzen können". Kurze Bewegungspausen erhöhen den Fokus.

Linking Cubes

Montessori und moderne Hilfsmittel sinnvoll kombinieren

Montessori schliesst moderne Hilfsmittel nicht grundsätzlich aus. Gerade für Hausaufgaben können auch visuelle Timer oder ANC-Kopfhörer nützlich sein.

- Ein visueller Timer zeigt dem Kind, wie lange eine Arbeitsphase dauert. Das gibt Orientierung. Besonders bei ADHS ist Zeit oft abstrakt und schwer greifbar.

- ANC-Kopfhörer können helfen, Umgebungsgeräusche auszublenden und eine "akustische Lernkapsel" zu schaffen. So entsteht ein geschützter Raum für konzentriertes Arbeiten.

Auch einfache Checklisten oder Bildkarten können Montessori sinnvoll ergänzen. Sie unterstützen die kindliche Planungskompetenz und Selbstorganisation.

Wichtig ist, Hilfsmittel bewusst einzusetzen. Sie sollen unterstützen, nicht ersetzen. Will auch heissen: Die Hausaufgaben werden nicht durch den Timer machbar - sondern durch eine attraktive wie fordernde Präsentationsform (unten: Maria Montessori und Kinder).

Maria Montessori

Für welche Kinder Montessori besonders geeignet ist

Montessori eignet sich nicht nur für jüngere Kinder. Auch Schulkinder mit ADHS profitieren häufig davon. Viele Fachpersonen berichten zudem von positiven Erfahrungen bei Kindern mit kombinierter Hochbegabung und ADHS.

Hochbegabte Kinder mit ADHS langweilen sich schnell. Montessori bietet offene Aufgaben. Das Kind kann tiefer gehen, variieren und eigene Lösungswege finden.

Auch für Kinder mit zusätzlicher sensorischer Sensibilität sind Montessori-Materialien geeignet. Sie sind reizarm, vorhersehbar und klar strukturiert.

Kinder mit emotionaler Unsicherheit profitieren ebenfalls. Die klare Ordnung und Selbstwirksamkeit stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Anderes Kind, andere Materialien: Individualität steht im Mittelpunkt der Montessori-Pädagogik.

Montessori ist kein Trend. Es ist eine Haltung. Und für viele Familien mit ADHS-Kindern ein wertvoller Ansatz.

Fragezeichen

Häufig gestellte Fragen

Warum heisst dieser Ansatz "Montessori"?

Der Name „Montessori“ geht auf die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870–1952) zurück. Sie entwickelte Anfang des 20. Jahrhunderts eine neue Form der Pädagogik, nachdem sie intensiv mit Kindern gearbeitet und deren Lernverhalten wissenschaftlich beobachtet hatte.

Montessori stellte fest, dass Kinder besonders gut lernen, wenn sie selbst aktiv werden dürfen, mit den Händen arbeiten - und in einer vorbereiteten Umgebung eigenständig Erfahrungen sammeln. Aus diesen Beobachtungen entwickelte sie ihre pädagogische Methode, die heute weltweit in Kindergärten, Schulen und Therapieansätzen genutzt wird.

Der Begriff „Montessori“ bezeichnet deshalb keine Marke oder einzelne Spielzeuge, sondern eine Bildungsphilosophie. Typisch dafür sind speziell entwickelte Lernmaterialien, eine strukturierte Lernumgebung und der Grundgedanke: Kinder sollen möglichst selbstständig lernen und sich in ihrem eigenen Tempo entwickeln können.

Ab welchem Alter sind Montessori-Spiele bei ADHS sinnvoll?

Schon ab dem Kleinkindalter können einfache Tastmaterialien eingesetzt werden. Wichtig ist die altersgerechte Auswahl und eine ruhige Begleitung ohne Erwartungsdruck.

Können Montessori-Spiele eine Therapie ersetzen?

Nein. Sie sind eine wertvolle Ergänzung. Bei ADHS sind Diagnostik, Beratung und gegebenenfalls Therapie weiterhin wichtig, wenn Leidensdruck beim Kind/der Familie da ist.

Wie viele Spiele sollte mein Kind haben?

Weniger ist besser. Deshalb reichen oft drei bis fünf Materialien aus, um Fokus, Struktur und Selbstregulation zu fördern.

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